Förderung und Würdigung
Ehrenamtlicher Hospizarbeit
in der Metropolregion Rhein-Neckar

Christiane Santjer

 

Christiane Santjer (Ambulanter Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst Speyer) am UNESCO-Weltkulturerbe Kaiserdom zu Speyer.

„Jedes Gefühl ist erlaubt und anzunehmen“

Als Krankenschwester wurde Christiane Santjer schon vor vielen Jahren mit dem Tod konfrontiert. Dabei wurde ihr bewusst, dass es auf vielen Krankenstationen oft an einem fehlt: Genug Zeit, um sich intensiv um einen Sterbenden zu kümmern. „Das Personal bemüht sich nach Kräften, aber es gibt immer noch so viel anderes zu tun und schließlich auch noch zahlreiche andere Patienten“, berichtet sie. Deshalb entschloss sich die heute 57-Jährige, diese im Krankenhaus fehlende Zeit ehrenamtlich beim Ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst Speyer zu „verschenken“.

 

2003 meldete sie sich für eine Hospizhelfer-Ausbildung an. Seitdem begleitet sie Menschen in deren letzten Wochen und Monaten. Im Rahmen der ambulanten Sterbebegleitung betreut sie Menschen, die sich wünschen, diese Zeit zuhause zu verbringen. Wenn Christiane Santjer von ihrer Teamleiterin gebeten wird, eine Sterbebegleitung zu übernehmen, versucht sie sich zunächst anhand einiger erster Informationen ein Bild zu machen, erinnert sich aber auch jedes Mal an ihren wichtigsten Grundsatz: Ganz offen sein und sich nicht von möglichen Vorurteilen leiten lassen. „Man darf sich vorher nicht zu viel ausmalen und zum Beispiel von älteren Menschen erwarten, dass ihnen das Loslassen leichter fällt als jungen Sterbenden“, erzählt sie. „Mein Ziel ist es, jeden in seinem Tempo gehen zu lassen und keine Bewertung vorzunehmen – das ist ganz wichtig.“ Deshalb besinnt sich Christiane Santjer auch immer wieder auf die Grundbedeutung ihres ehrenamtlichen Engagements. „Begleiten“ bedeutet für sie „nebenher gehen“ statt „beeinflussen“ oder „belehren“, und das heißt für Christiane Santjer vor allem: „Signalisieren, dass jedes Gefühl erlaubt und anzunehmen ist.“

 

Derzeit begleitet sie eine krebskranke Frau, der es schwer fällt, die Endgültigkeit ihres Schicksals zu akzeptieren und die auf eine unerwartete Wendung hofft. Christiane Santjer kennt diesen Wunsch gut: „Wenn jemand gehen soll, der noch mitten im prallen Leben steht, will derjenige das Geschehen oft nicht richtig wahrhaben – egal wie alt der Mensch ist. In solchen Fällen will ich vor allem zeigen, dass ich dieses Bedürfnis nach einem Wunder verstehe, auch wenn ich es nicht herbeiführen kann.“ Stattdessen versucht sie Wege aufzuzeigen, die verbleibende Zeit möglichst angenehm zu gestalten, zum Beispiel indem sie auf ihre medizinische Erfahrung zurückgreift, um die verbreitete Angst vor Schmerzen am Ende des Lebens zu lindern. „Heute muss niemand mehr unter schlimmen Schmerzen sterben“, sagt sie.

 

Besonders bei der ambulanten Sterbebegleitung liegen ihr aber nicht nur die Betroffenen selber am Herzen, sondern vor allem auch die Angehörigen, für die jede Stunde Entlastung Gold wert sein kann. Oft endet Christiane Santjers Engagement nicht mit dem Tod des Patienten, sondern geht dann in eine Trauerbegleitung über. „Diese grenzenlose Verlassenheit, die entsteht, wenn der nahestehende Mensch plötzlich wirklich weg ist, macht mich auch nach jahrelanger Begleitungsarbeit immer wieder sprachlos“, berichtet sie. „Deshalb glaube ich, dass für unsere Arbeit verschiedene Kommunikationstrainings besonders nützlich sind. Außerdem müssen wir uns immer wieder selbst fragen, ob wir das, was wir machen, so immer noch gut finden – auch für diese Reflexion brauchen wir Sterbebegleiter regelmäßige Weiterbildungsangebote.“

 

Für Christiane Santjer haben sterbende Menschen und solche, die gerade erst geboren sind, vieles gemeinsam: „Am Anfang und am Ende des Lebens brauchen wir alle nur ganz wenige Dinge für unsere elementaren Bedürfnisse. Dazu gehört neben der richtigen Pflege auch jemand, der uns seine Zuwendung schenkt. Alles andere spielt eigentlich nur in der Zeit dazwischen eine Rolle.“ Trotzdem sieht sie einen großen Unterschied zwischen Menschen, die gerade erst auf der Welt angekommen sind, und solchen, die sie bald verlassen müssen: Bei einer Geburt ist das Krankenhauszimmer in der Regel voll, während am Ende nur wenige dabei sein wollen. Christiane Santjer empfindet das aber nicht als Böswilligkeit: „Jedes Sterben erinnert uns an unser eigenes, an das wir so wenig wie möglich denken möchten. Trotzdem müssen wir alle den gleichen Weg gehen und wissen nicht, was dort noch kommt. Deshalb verschenke ich meine Zeit. Außerdem kann ich so geben, was ich mir für mich selber wünsche, wenn es einmal soweit ist.“