Förderung und Würdigung
Ehrenamtlicher Hospizarbeit
in der Metropolregion Rhein-Neckar

Martina Strübig

 

Martina Strübig (Hospizverein Bergstraße) vor dem UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Lorsch.

»Sie sind die Einzige, bei der ich nichts muss«

Ehrlicher und intensiver ist das Leben von Martina Strübig (51) in den letzten 13 Jahren geworden. Seit 1997 begleitet die Gewerbelehrerin für Baugewerbe und Mathematik Menschen auf ihrem letzten Weg. Auf ihrem eigenen Lebensweg hat sie dabei Erfahrungen gemacht, die sie so nicht für möglich gehalten hätte: »Wir alle haben ja vielfältige »Überlebensstrategien«, die zunächst ein wertvoller Schutz sind. Nicht hinterfragt, können sie aber auf Dauer das eigene Leben behindern. Die Hospizarbeit verlangt von mir bei der Begleitung von Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken, auch die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie und Persönlichkeit. Mein Leben wurde so viel intensiver und tiefgründiger.«

 

Mit dem Thema Sterbebegleitung kam Martina Strübig in Berührung, als ein Sterbefall ihre Familie auf eine emotionale Achterbahn schickte: »Meine Schwägerin war an Krebs erkrankt. Sie hatte immer sehr viele Freunde gehabt, doch je näher sie dem Tod kam, desto weniger Freunde wurden es. Das hat mich betrübt und irritiert, aber auch motiviert, nach Menschen zu suchen, die anders mit dem Sterben umgehen – Sterbebegleiter. Ihr Umgang mit dem Sterben hat mich sehr angesprochen.«

 

Nach einem Informationsabend zur Hospizarbeit entschloss sich Martina Strübig, einen Qualifikationskurs zu machen und engagiert sich nun seit vielen Jahren im Hospizverein Bergstraße. »Der Austausch in einer Gruppe von Hospizhelfern ist mir sehr wichtig, denn dort können wir unsere teils auch belastenden Erlebnisse miteinander teilen und voneinander lernen.«

 

Die Erfahrungen, die Martina Strübig als Sterbebegleiterin gemacht hat und immer noch macht, sind sehr intensiv und bereichernd. Dazu gehört vor allem die Erkenntnis, wie wertvoll ein Mensch ist; auch dann, wenn er nichts mehr kann. »Sterbende sind oft sehr zerbrechlich und ganz stark zugleich. Es ist beeindruckend, mit wie viel Mut und Entschlossenheit sich diese Menschen ihrer Situation stellen und dabei oft noch ihre Angehörigen tragen. Nicht selten erlebe ich, dass der Sterbende seinen Weg leichter findet als die Angehörigen.«

 

Wenn Martina Strübig eine Sterbebegleitung beginnt, ist dies immer ein vorsichtiges Fragen und Erspüren, was jeweils an Unterstützung gewünscht und benötigt wird. Die Sterbebegleiterin geht immer sehr offen auf ihre Patienten und deren Familien zu – auch wenn diese zu Anfang häufig verschlossen sind. »Es gibt aber auch Patienten, die mich geradezu durchleuchten, mir auf den Zahn fühlen.« Das verwundert bei näherer Betrachtung nicht, gehen doch Patient und Sterbebegleiterin eine sehr persönliche Beziehung zueinander ein. Seit zwei Jahren begleitet Martina Strübig einen Patienten im Wachkoma. »Ich empfinde, dass er Menschen unterscheidet, glaube, dass die Blicke, die irgendwo in die Gegend gehen, doch manchmal reden.« Gerade bei diesem Patienten ist die Hilfe für die Angehörigen ein wichtiger Teil ihrer Arbeit: »Es geht darum, seine Frau, die mit großem Einsatz tagein tagaus rund um die Uhr für ihren Mann da ist, wenigstens einige Stunden zu entlasten.«

»Jede Begleitung ist anders, denn jeder Mensch ist anders. Es geht immer um eine Begegnung zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Werten, Vorstellungen und Wünschen. Bei Demenzkranken beispielsweise versuche ich, in ihrer Welt mitzugehen. Menschen, die mit ihren Angehörigen Frieden schließen wollen, versuche ich Beistand und Helfer zu sein. Aber nicht alles in einer Begleitung ist schwer und traurig. Da, wo das Schwere sein darf, entsteht oft auch eine heitere Atmosphäre. Wir lachen viel!«

 

Aber die Sterbebegleiterin trifft auch auf Verbitterung: »Ich habe eine Dame begleitet, die sehr schwierig im Umgang war. Man konnte ihr nichts recht machen. Lange hatte ich nicht den Eindruck, ihr mit irgendetwas eine Freude bereiten zu können. Doch eines Tages sagte sie zu mir: »Sie sind die Einzige, bei der ich nichts muss!«


Martina Strübig erlebt das Leben vieler Menschen im Schnelldurchlauf, eine sehr intensive Erfahrung. Sie ist glücklich über ihre Arbeit als Sterbebegleiterin – und dankbar. »Es macht Freude zu lernen, Menschen unvoreingenommen zu begegnen und im Geben von Zeit und Raum selbst beschenkt zu werden.«